Webstandards sind toll, aber kein wirksames Verkaufsargument

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Smiley des Acid2-Tests

Nur damit gleich von vornherein keine Missverständnisse entstehen, und damit mich Jens nicht wegen dieses Artikels sofort aus der Webkrauts-Mailingliste streicht: Ich finde Webstandards toll, und ich werde nicht müde sie zu propagieren. Ich bin davon überzeugt, dass es das Web weiterbringt, wenn noch mehr Webdesigner und Webentwickler sich an Webstandards halten.

Doch als Verkaufsargument gegenüber Kunden taugen Webstandards häufig nicht, weil sie aus Kundensicht schlicht und einfach nicht als relevant angesehen werden. Das ist zumindest meine Erfahrung. Dieser Artikel ist daher in höchstem Maße subjektiv.

Warum die immer wieder angeführten Vorteile für Kunden in vielen Fällen keine Verkaufsargumente sind

Eine sehr schöne Auflistung der Vorteile von Webstandards für Kunden findet sich bei aufw:arts. Ich habe mir erlaubt, diese Liste hier zu zitieren, zu sezieren und zu kontrastieren. Meine Kommentare zu den wunderschönen Vorteilen sind bewusst ein wenig überzeichnet und ein bisschen zu pessimistisch. Doch „Worst-Case-Szenarien“ dieser Art dürften dem ein oder anderen Webworker aus Gesprächen mit Kunden bekannt vorkommen. Die Wahrheit liegt, wie so oft, irgendwo zwischen den beiden Extremen.

Zukunftssicherheit

„Webstandards sichern, dass Ihre Website auch noch in den nächsten 5-6 Jahren von unterschiedlichen Browsern und Geräten korrekt angezeigt wird.“
Quelle: aufw:arts

Fünf bis sechs Jahre sind eine lange Zeit. Viele Webdesigns werden gar nicht so alt. Dann steht ein Relaunch an, bei dem auch alle Templates komplett neu aufgesetzt werden. In diesem Fall ist es völlig egal, wie korrekt oder nicht korrekt eine Website mit den Browsern der fernen Zukunft angezeigt wird.

Auf der anderen Seite gibt es dann Websites, die viele Jahre überhaupt nicht angefasst werden. Häufig sind das die Online-Präsenzen von kleinen Unternehmen, die mit dem Web eigentlich überhaupt nichts am Hut haben. Hier könnte das obige Argument greifen. Doch aus heutiger, vielleicht nicht gerade zukunftsorientierter, aber meiner Meinung nach durchaus realistischen Sicht muss ich sagen: Aufwärtskompatibilität war eigentlich noch nie ein großes Problem der Desktop-Browser.

Erst vor ein paar Tagen ist mir ein wahrlich augenkrebserregendes Frame- und Tabellenlayout-Ungetüm aus dem Jahr 2000 untergekommen. Zugegeben, die Website sieht scheußlich aus. Doch sie sieht in einem modernen Browser noch genau so korrekt scheußlich aus, wie sie das vor zehn Jahren im Netscape Navigator 4 tat.

Zwar machen Netbooks und Smartphones das ein oder andere Frame-Layout durchaus auch einmal unbenutzbar. Doch die Art von Kunden, die Ihre Website fünf Jahre lang praktisch ohne Veränderung im Web vor sich hin schlummern lässt, interessiert sich heute auch (noch) nicht für das mobile Internet und alles, was sich außerhalb ihres eigenen Desktop-Browsers abspielt.

Fazit: Zukunftssicherheit ist häufig kein Verkaufsargument.

Geringere laufende Kosten

„Websites nach Webstandards können besser und schneller geändert werden.“
Quelle: aufw:arts

Für große Portale, an denen ständig geschraubt, verändert und verbessert wird, ist dieses Argument ja vielleicht noch nachvollziehbar. Bei vielen kleinen Webdesign-Kunden wird am Templating überhaupt nichts mehr verändert, wenn es einmal steht. Zumindest solange, bis es einen Relaunch mit komplett neuem Design gibt.

Wenn es dann doch einmal eine Änderung geben sollte, wird die mittlerweile zu Webstandards bekehrte Haus- und Hofagentur wohl kaum plötzlich weniger berechnen als bisher, nur weil die Entwickler jetzt ein bisschen schneller arbeiten können. Schließlich hat sich der Kunde längst an das bisherige Preisniveau gewöhnt. Und bewerten können viele Kunden die Qualität und den dafür realistisch notwendigen aufwand sowieso nicht.

Fazit: Geringe laufende Kosten sind häufig kein Verkaufsargument.

Keine Knebelverträge

„Sie können Ihre Webdesigner bei Bedarf besser wechseln. Der Zugriff auf den Code braucht nicht mehr aufwendig entschlüsselt werden.“
Quelle: aufw:arts

Gerade bei trickreichen CSS-Spielereien oder umfangreichen Browser-Hacks zur Sicherung der Abwärtskompatibilität darf man durchaus in Frage stellen, ob tatsächlich nichts mehr „entschlüsselt“ werden muss.

Doch selbst wenn es tatsächlich so wäre, so wechseln kleine und mittelständische Kunden nicht alle Naselang ihre Internetagentur. Meiner Erfahrung nach wird meist aus Anlass eines Relaunchs gewechselt, vorausgesetzt es herrscht Unzufriedenheit mit der bisherigen Agentur. Wenn es dann einen Relaunch gibt, geht dieser in der Regel mit einem neuen Design einher und gerne auch mal mit einem neuen CMS. Der Zugriff auf den alten Quellcode ist daher in den meisten Fällen überflüssig.

Fazit: Die Unabhängigkeit von einzelnen Dienstleistern ist häufig kein Verkaufsargument.

Besser gefunden werden

„Standardkonforme Seiten werden von Google schneller indiziert und besser bewertet.“
Quelle: aufw:arts

Das habe ich auch lange Zeit geglaubt. Es ma zwar sein, dass eine saubere HTML-Struktur dem Google-Bot die Arbeit ein wenig erleichtert. Aber ich sehe regelmäßig so viele grauenhafte HTML-Ungetüme hervorragend ranken, dass ich die obige Aussage nicht mehr unterschreiben kann.

Schaut man sich zudem die letzte umfangreiche Ranking-Faktoren-Untersuchung von SEOmoz an, so erkennt man, dass nur ganz wenige On-Page-Faktoren etwas mit Webstandards zu tun haben. Lediglich die Title-Elemente und die Alt-Texte von Bildern sollte man tunlichst pflegen, wenn man der Untersuchung Glauben schenken darf. (Und das darf man meiner Meinung zumindest tendenziell durchaus, schließlich ist die Anzahl der analysierten Domains, Websites und Links mächtig groß, so dass eine gewisse Repräsentativität eigentlich vorhanden sein sollte.)

Selbst Googles Sprachrohr in Sachen SEO, Matt Cuts, hat bereits vor zwei Jahren ganz klar gesagt, dass die Einhaltung von Webstandards in keinster Weise das Ranking einer Webseite beeinflusst.

On-Page-Optimierung ist ohnehin schon seit Jahren lediglich „Basisarbeit“, mit der man nur noch begrenzt etwas reißen kann. Mit dem richtigen Linkaufbau lässt sich dagegen – etwas überspitzt formuliert – so ziemlich alles zum Ranken bringen.

Fazit: Die bessere Auffindbarkeit in Suchmaschinen ist eigentlich kein Verkaufsargument.

Unabhängigkeit von Geräten

„Ihre Website kann auf verschiedenen Browsern und Geräten angezeigt werden.“
Quelle: aufw:arts

Beispielhaft seien an dieser Stelle Netbooks mit kleinem Monitor, Handys und Smartphones erwähnt. Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass diese Themen bei vielen Kunden noch längst nicht angekommen sind. Da gibt es in der Kundenwahrnehmung zwar etwas, aber das bewegt sich noch immer auf einem so niedrigen Niveau, dass Kunden es gerne vernachlässigen.

Selbst wenn die Webanalyse-Daten ein paar Smartphone-Surfer ausweisen, ist das auch egal. Schließlich können die mobilen Browser mittlerweile zoomen – mal besser, mal schlechter, aber für die paar Nerds wird das schon reichen, meinen viele Kunden. Mit Handys unterhalb des Smartphone-Niveaus geht sowieso niemand ernsthaft online, also kann man diese auch vernachlässigen.

Dann wären da noch die Netbooks. Bei denen darf man sich eigentlich nur keine Frames mehr erlauben. Die Standard-Webdesign-Breite von 960 Pixeln (echte flexible Layouts kann man Kunden ja ohnehin nur ziemlich selten verkaufen) passt meist auch für kleine Netbook-Bildschirme so halbwegs. Also ist aus Kundensicht alles in Butter, selbst wenn die Website noch aus lauter Layouttabellen besteht.

Übrigens: Wenn man denn überhaupt über technische Zugänglichkeitsaspekte mit Kunden redet, dann ist die korrekte Darstellung im uralte Internet Explorer 6 die viel häufigere Forderung.

Fazit: Die Unabhängigkeit von Geräte  ist in vielen Fällen – zumindest zurzeit noch – kein Verkaufsargument.

Geringere Ladezeiten

„Der Code ist kurz und klar und verkleinert die Größe der Seiten. Dadurch laden die Seiten schneller.“
Quelle: aufw:arts

Schlanker HTML-Code ist toll. Das bringt nur leider nichts für die Ladezeitoptimierung, wenn danach tonnenweise JavaScript, riesige Bilder und aufwändige Flash-Spielereien auf eine Seite geknallt werden, dass die Leitung nur so glüht. Möglichst das alles noch ohne gzip und Minifizierung ausliefern, dafür aber aufgeteilt auf mehrere Dutzend Einzeldateien.

Startseiten, die zwischen 1 und 2 MB auf die Waage bringen und dabei HTTP-Requests im mittleren zweistelligen Bereich erzeugen, sind leider keine Seltenheit. Und viele dieser Ladezeitmonster kann man durchaus als webstandardkonform bezeichnen. Nur leider reißt ein schlanker HTML-Code bei solchen Ladezeitmonstern auch nichts mehr heraus. Webstandards vermeiden zwar Layouttabellen-Ungetüme und redundante Inline-Layoutangaben, schützen aber leider an vielen anderen Stellen nicht zwangsläufig vor verschwenderischem Ressourcenumgang.

Ein guter Webdesigner sollte zwar immer die Ladezeit im Blick haben. Doch ob eine am Ende tatsächlich ladezeitoptimiert umgesetzte Website wirklich ausschließlich bzw. überwiegend mit der Webstandardkonformität begründet werden kann, bezweifele ich. (Wenn mein Bild von Webstandards diesbezüglich falsch ist, lasse ich mich gerne vom Gegenteil überzeugen.)

Fazit: Eine geringere Ladezeit ist durch Webstandards nicht zwangsläufig gegeben und daher nicht zwangsläufig ein Verkaufsargument.

Zugänglichkeit steigt

„Für Millionen von Menschen mit Einschränkungen werden Ihre Seiten erst durch Webstandards begehbar.“
Quelle: aufw:arts

Richtig. Doch außerhalb der behördlichen Landschaft ist Barrierefreiheit in der überwiegenden Zahl der Fälle bestenfalls ein Nice-to-have-Feature. Das ist zumindest meine Erfahrung. Das Interesse an Barrierefreiheit oder -armut nimmt auf Kundenseite sehr stark ab, je weiter man sich einerseits von Websites mit richtig großen Reichweiten entfernt und andererseits von Unternehmen mit Zielgruppen, die Barrierefreiheit tatsächlich in signifikantem Maß erfordern.

Fazit: Die Zugänglichkeit ist häufig kein Verkaufsargument.

Warum ich mich trotzdem an Webstandards halte

Ganz einfach: Weil ich möchte, dass nicht nur ein Kunde mit seiner neuen Website zufrieden ist, sondern auch ich selbst.

Ein Beispiel: Selbst wenn es einem Kunden völlig egal sein sollte, ob es ein Print-Stylesheet gibt oder nicht, so ist mir persönlich das eben doch wichtig. Und das Ausblenden von nicht benötigten Website-Teilen per CSS ist bei der Verwendung von Layouttabellen eben nicht so einfach möglich.

Außerdem möchte ich nicht, dass andere Webdesigner beim Anblick meines Quellcodes die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Soviel Perfektionismus muss sein.

Deswegen: Immer schön brav Webstandards benutzen, auch wenn die Kunden es vielleicht (noch) nicht zu schätzen wissen.


Kommentare


xwolf

Kommentar Nr. 1 · Sunday, 14. November 2010, 16:51 Uhr

Fehlt vielleicht nicht noch dies Argument:
Der IT-Experte spricht nicht dieselbe Sprache wie der Kunde.

Einige Kunden kann man gut mit Webstandards kommen. Wenn man sie denn nicht Webstandards nennen würde! Wenn auf einen Angebote drauf steht: "Zertifiziert nach XYZ" oder "gemäß DIN 1234", dann wird das plötzlich etwas, was für Vergleiche von verschiedenen Angeboten herangezogen wird.
Der Kunde versteht zwar nicht den Inhalt. Erw eiss nicht was wer zertifiziert hat. Aber der Kunde glaubt, daß solche begrifflichen Bamberl für Qualität stehen.


Michael Karl

Kommentar Nr. 2 · Sunday, 14. November 2010, 16:52 Uhr

Webstandards als Verkaufsargument? Das habe ich bisher nicht wirklich in Betracht gezogen. Die Verwendung von Webstandards ist in meinen Augen Arbeitserleichterung, und gehört einfach dazu. Mein Kunde erwartet schliesslich, dass seine Seite korrekt dargestellt - heute wie auch morgen. Mit dem Argument, dass die Seiten auch auf mobilen Geräten ordentlich dargestellt werden kann man sicherlich punkten - Aber die Verwendung von Webstandards ist doch Standard.
Ich erwarte mir von meinem Handwerker, dass er ordentlich, mit professionellem Werkzeug, und ausgebildeten Kräften arbeitet. Gleiches erwartet ein Kunde von einem Webentwickler.
Ich nehme den Punkt "Webstandards" zwar auch in meine Angebote auf - aber nur da immer wieder mal ein Kunde danach fragt. Ein wirkliches Verkaufsargument ist es aber nicht.

Ich nutze Webstandards - nicht weil die Kunden es wünschen. Sondern weil ich die Vorteile zu schätzen weiss, und meinem Kunden professionelle Arbeit übergeben möchte.


Klartextnamenverweigerer

Kommentar Nr. 3 · Sunday, 14. November 2010, 16:54 Uhr

Webstandards sind deshalb kein Verkaufsargument, weil der Kunde davon ausgehen darf, dass seine Website standardkonform erstellt wird.


Nils Pooker

Kommentar Nr. 4 · Tuesday, 16. November 2010, 08:33 Uhr

Es geht nicht darum, ob ich Webstandards als Argumente einsetzen will, bzw. durch schlechte, aber billige Konkurrenzangebote einsetzen sollte, sondern darum, wie ich das mache. Wir reden hier ja von Qualität. Ich hatte dazu vor dreieinhalb Jahren mal etwas ausführlicher geschrieben:
Webstandards und Kundenansprache


Michael van Laar

Kommentar Nr. 5 · Tuesday, 16. November 2010, 09:38 Uhr

@Klartextnamenverweigerer: Schön wäre es. „I have a dream“ …

@Nils: Das stimmt natürlich. Das Problem ist ja nur immer, dass Qualität eine objektive und eine subjektive Komponente hat. Und sämtliche wissenschaftlichen Forschungen zu Qualität, vor allem im Zusammenhang mit Dienstleistungen, zeigen, dass Kunden in der Regel nur das als Qualität ansehen und honorieren, was ihnen subjektiv wichtig ist.

Das bedeutet leider, dass ohne „Missionierungsarbeit“ ein entscheidender Teil der Qualität von Kunden überhaupt nicht als solche wahrgenommen wird. Bunte Flash-Animation – „sieht toll aus“. Semantischer HTML-Code – „kenn’ ich nicht, ist mir also egal … aber kann ich die bunte Flash-Animation noch mal sehen …“.

Zumindest aus meiner Erfahrung heraus bin ich nach wie vor der Meinung, dass Überzeugungsarbeit bei den meisten Kunden nur mühsam und in geringem Umfang machbar ist. Denn gerade kleinere Kunden wollen sich gar nicht damit beschäftigen. Wenn es echte, handfeste Vorteile gäbe, sähre das wahrscheinlich anders aus. Aber allen anderslautenden Meinungen zum Trotz denke ich, dass die oben genannten und auch in deinem Artikel behandelten Argumente in der Realität des Kunden allesamt nicht überzeugen können.


Nils Pooker

Kommentar Nr. 6 · Wednesday, 17. November 2010, 06:54 Uhr

@Michael: ich hatte bisher keine Probleme, im Gegenteil. Selbst "kleine" Kunden lassen sich überzeugen. Webdesigner oder Entwickler müssen nur klar und verständlich darüber aufklären. Wir werden als Profis engagiert und nicht als Blumenampelbastler. Diese Position muss allerdings klar kommuniziert werden. Wenn ein Kunde unprofessionelle Lösungen will, kann ich entweder eine bessere Alternative anbieten oder ich lehne es aus Gründen der Qualität ab. Mein Job ist es, dem Kunden klarzumachen, dass ich die Kompetenz besitze, diese Entscheidungen zu treffen und dass diese Entscheidung Einfluss auf die Qualität seiner Webseite hat. Dann gibt es auch keine Diskussionen.


JCG

Kommentar Nr. 7 · Thursday, 3. March 2011, 16:02 Uhr

> Ich erwarte mir von meinem Handwerker

Der Vergleich hinkt, da ein Handwerker eine Gesellen- oder gar Meisterprüfung abgelegt hat und er damit bewiesen hat, dass er zumindest über gewisse "Best Practices" verfügt (ob er diese beim Kunden dann auch tatsächlich anwendet, sei freilich dahingestellt).

Webdesign und -entwicklung dagegen darf letztlich jeder dahergelaufene Simpel anbieten. Dementsprechend sehen manche Websites dann auch aus, und daher ist es (leider) keinesfalls selbstverständlich, dass jeder Anbieter gemäß den Webstandards arbeitet.