Webstandards sind toll, aber kein wirksames Verkaufsargument
[An dieser Stelle würden Sie einen Facebook-„Gefällt mir“-Button sehen – wenn Deutschland nicht das Land der ausufernden Datenschutz-Paranioia wäre.]

Nur damit gleich von vornherein keine Missverständnisse entstehen, und damit mich Jens nicht wegen dieses Artikels sofort aus der Webkrauts-Mailingliste streicht: Ich finde Webstandards toll, und ich werde nicht müde sie zu propagieren. Ich bin davon überzeugt, dass es das Web weiterbringt, wenn noch mehr Webdesigner und Webentwickler sich an Webstandards halten.
Doch als Verkaufsargument gegenüber Kunden taugen Webstandards häufig nicht, weil sie aus Kundensicht schlicht und einfach nicht als relevant angesehen werden. Das ist zumindest meine Erfahrung. Dieser Artikel ist daher in höchstem Maße subjektiv.
Warum die immer wieder angeführten Vorteile für Kunden in vielen Fällen keine Verkaufsargumente sind
Eine sehr schöne Auflistung der Vorteile von Webstandards für Kunden findet sich bei aufw:arts. Ich habe mir erlaubt, diese Liste hier zu zitieren, zu sezieren und zu kontrastieren. Meine Kommentare zu den wunderschönen Vorteilen sind bewusst ein wenig überzeichnet und ein bisschen zu pessimistisch. Doch „Worst-Case-Szenarien“ dieser Art dürften dem ein oder anderen Webworker aus Gesprächen mit Kunden bekannt vorkommen. Die Wahrheit liegt, wie so oft, irgendwo zwischen den beiden Extremen.
Zukunftssicherheit
„Webstandards sichern, dass Ihre Website auch noch in den nächsten 5-6 Jahren von unterschiedlichen Browsern und Geräten korrekt angezeigt wird.“
Quelle: aufw:arts
Fünf bis sechs Jahre sind eine lange Zeit. Viele Webdesigns werden gar nicht so alt. Dann steht ein Relaunch an, bei dem auch alle Templates komplett neu aufgesetzt werden. In diesem Fall ist es völlig egal, wie korrekt oder nicht korrekt eine Website mit den Browsern der fernen Zukunft angezeigt wird.
Auf der anderen Seite gibt es dann Websites, die viele Jahre überhaupt nicht angefasst werden. Häufig sind das die Online-Präsenzen von kleinen Unternehmen, die mit dem Web eigentlich überhaupt nichts am Hut haben. Hier könnte das obige Argument greifen. Doch aus heutiger, vielleicht nicht gerade zukunftsorientierter, aber meiner Meinung nach durchaus realistischen Sicht muss ich sagen: Aufwärtskompatibilität war eigentlich noch nie ein großes Problem der Desktop-Browser.
Erst vor ein paar Tagen ist mir ein wahrlich augenkrebserregendes Frame- und Tabellenlayout-Ungetüm aus dem Jahr 2000 untergekommen. Zugegeben, die Website sieht scheußlich aus. Doch sie sieht in einem modernen Browser noch genau so korrekt scheußlich aus, wie sie das vor zehn Jahren im Netscape Navigator 4 tat.
Zwar machen Netbooks und Smartphones das ein oder andere Frame-Layout durchaus auch einmal unbenutzbar. Doch die Art von Kunden, die Ihre Website fünf Jahre lang praktisch ohne Veränderung im Web vor sich hin schlummern lässt, interessiert sich heute auch (noch) nicht für das mobile Internet und alles, was sich außerhalb ihres eigenen Desktop-Browsers abspielt.
Fazit: Zukunftssicherheit ist häufig kein Verkaufsargument.
Geringere laufende Kosten
„Websites nach Webstandards können besser und schneller geändert werden.“
Quelle: aufw:arts
Für große Portale, an denen ständig geschraubt, verändert und verbessert wird, ist dieses Argument ja vielleicht noch nachvollziehbar. Bei vielen kleinen Webdesign-Kunden wird am Templating überhaupt nichts mehr verändert, wenn es einmal steht. Zumindest solange, bis es einen Relaunch mit komplett neuem Design gibt.
Wenn es dann doch einmal eine Änderung geben sollte, wird die mittlerweile zu Webstandards bekehrte Haus- und Hofagentur wohl kaum plötzlich weniger berechnen als bisher, nur weil die Entwickler jetzt ein bisschen schneller arbeiten können. Schließlich hat sich der Kunde längst an das bisherige Preisniveau gewöhnt. Und bewerten können viele Kunden die Qualität und den dafür realistisch notwendigen aufwand sowieso nicht.
Fazit: Geringe laufende Kosten sind häufig kein Verkaufsargument.
Keine Knebelverträge
„Sie können Ihre Webdesigner bei Bedarf besser wechseln. Der Zugriff auf den Code braucht nicht mehr aufwendig entschlüsselt werden.“
Quelle: aufw:arts
Gerade bei trickreichen CSS-Spielereien oder umfangreichen Browser-Hacks zur Sicherung der Abwärtskompatibilität darf man durchaus in Frage stellen, ob tatsächlich nichts mehr „entschlüsselt“ werden muss.
Doch selbst wenn es tatsächlich so wäre, so wechseln kleine und mittelständische Kunden nicht alle Naselang ihre Internetagentur. Meiner Erfahrung nach wird meist aus Anlass eines Relaunchs gewechselt, vorausgesetzt es herrscht Unzufriedenheit mit der bisherigen Agentur. Wenn es dann einen Relaunch gibt, geht dieser in der Regel mit einem neuen Design einher und gerne auch mal mit einem neuen CMS. Der Zugriff auf den alten Quellcode ist daher in den meisten Fällen überflüssig.
Fazit: Die Unabhängigkeit von einzelnen Dienstleistern ist häufig kein Verkaufsargument.
Besser gefunden werden
„Standardkonforme Seiten werden von Google schneller indiziert und besser bewertet.“
Quelle: aufw:arts
Das habe ich auch lange Zeit geglaubt. Es ma zwar sein, dass eine saubere HTML-Struktur dem Google-Bot die Arbeit ein wenig erleichtert. Aber ich sehe regelmäßig so viele grauenhafte HTML-Ungetüme hervorragend ranken, dass ich die obige Aussage nicht mehr unterschreiben kann.
Schaut man sich zudem die letzte umfangreiche Ranking-Faktoren-Untersuchung von SEOmoz an, so erkennt man, dass nur ganz wenige On-Page-Faktoren etwas mit Webstandards zu tun haben. Lediglich die Title-Elemente und die Alt-Texte von Bildern sollte man tunlichst pflegen, wenn man der Untersuchung Glauben schenken darf. (Und das darf man meiner Meinung zumindest tendenziell durchaus, schließlich ist die Anzahl der analysierten Domains, Websites und Links mächtig groß, so dass eine gewisse Repräsentativität eigentlich vorhanden sein sollte.)
Selbst Googles Sprachrohr in Sachen SEO, Matt Cuts, hat bereits vor zwei Jahren ganz klar gesagt, dass die Einhaltung von Webstandards in keinster Weise das Ranking einer Webseite beeinflusst.
On-Page-Optimierung ist ohnehin schon seit Jahren lediglich „Basisarbeit“, mit der man nur noch begrenzt etwas reißen kann. Mit dem richtigen Linkaufbau lässt sich dagegen – etwas überspitzt formuliert – so ziemlich alles zum Ranken bringen.
Fazit: Die bessere Auffindbarkeit in Suchmaschinen ist eigentlich kein Verkaufsargument.
Unabhängigkeit von Geräten
„Ihre Website kann auf verschiedenen Browsern und Geräten angezeigt werden.“
Quelle: aufw:arts
Beispielhaft seien an dieser Stelle Netbooks mit kleinem Monitor, Handys und Smartphones erwähnt. Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass diese Themen bei vielen Kunden noch längst nicht angekommen sind. Da gibt es in der Kundenwahrnehmung zwar etwas, aber das bewegt sich noch immer auf einem so niedrigen Niveau, dass Kunden es gerne vernachlässigen.
Selbst wenn die Webanalyse-Daten ein paar Smartphone-Surfer ausweisen, ist das auch egal. Schließlich können die mobilen Browser mittlerweile zoomen – mal besser, mal schlechter, aber für die paar Nerds wird das schon reichen, meinen viele Kunden. Mit Handys unterhalb des Smartphone-Niveaus geht sowieso niemand ernsthaft online, also kann man diese auch vernachlässigen.
Dann wären da noch die Netbooks. Bei denen darf man sich eigentlich nur keine Frames mehr erlauben. Die Standard-Webdesign-Breite von 960 Pixeln (echte flexible Layouts kann man Kunden ja ohnehin nur ziemlich selten verkaufen) passt meist auch für kleine Netbook-Bildschirme so halbwegs. Also ist aus Kundensicht alles in Butter, selbst wenn die Website noch aus lauter Layouttabellen besteht.
Übrigens: Wenn man denn überhaupt über technische Zugänglichkeitsaspekte mit Kunden redet, dann ist die korrekte Darstellung im uralte Internet Explorer 6 die viel häufigere Forderung.
Fazit: Die Unabhängigkeit von Geräte ist in vielen Fällen – zumindest zurzeit noch – kein Verkaufsargument.
Geringere Ladezeiten
„Der Code ist kurz und klar und verkleinert die Größe der Seiten. Dadurch laden die Seiten schneller.“
Quelle: aufw:arts
Schlanker HTML-Code ist toll. Das bringt nur leider nichts für die Ladezeitoptimierung, wenn danach tonnenweise JavaScript, riesige Bilder und aufwändige Flash-Spielereien auf eine Seite geknallt werden, dass die Leitung nur so glüht. Möglichst das alles noch ohne gzip und Minifizierung ausliefern, dafür aber aufgeteilt auf mehrere Dutzend Einzeldateien.
Startseiten, die zwischen 1 und 2 MB auf die Waage bringen und dabei HTTP-Requests im mittleren zweistelligen Bereich erzeugen, sind leider keine Seltenheit. Und viele dieser Ladezeitmonster kann man durchaus als webstandardkonform bezeichnen. Nur leider reißt ein schlanker HTML-Code bei solchen Ladezeitmonstern auch nichts mehr heraus. Webstandards vermeiden zwar Layouttabellen-Ungetüme und redundante Inline-Layoutangaben, schützen aber leider an vielen anderen Stellen nicht zwangsläufig vor verschwenderischem Ressourcenumgang.
Ein guter Webdesigner sollte zwar immer die Ladezeit im Blick haben. Doch ob eine am Ende tatsächlich ladezeitoptimiert umgesetzte Website wirklich ausschließlich bzw. überwiegend mit der Webstandardkonformität begründet werden kann, bezweifele ich. (Wenn mein Bild von Webstandards diesbezüglich falsch ist, lasse ich mich gerne vom Gegenteil überzeugen.)
Fazit: Eine geringere Ladezeit ist durch Webstandards nicht zwangsläufig gegeben und daher nicht zwangsläufig ein Verkaufsargument.
Zugänglichkeit steigt
„Für Millionen von Menschen mit Einschränkungen werden Ihre Seiten erst durch Webstandards begehbar.“
Quelle: aufw:arts
Richtig. Doch außerhalb der behördlichen Landschaft ist Barrierefreiheit in der überwiegenden Zahl der Fälle bestenfalls ein Nice-to-have-Feature. Das ist zumindest meine Erfahrung. Das Interesse an Barrierefreiheit oder -armut nimmt auf Kundenseite sehr stark ab, je weiter man sich einerseits von Websites mit richtig großen Reichweiten entfernt und andererseits von Unternehmen mit Zielgruppen, die Barrierefreiheit tatsächlich in signifikantem Maß erfordern.
Fazit: Die Zugänglichkeit ist häufig kein Verkaufsargument.
Warum ich mich trotzdem an Webstandards halte
Ganz einfach: Weil ich möchte, dass nicht nur ein Kunde mit seiner neuen Website zufrieden ist, sondern auch ich selbst.
Ein Beispiel: Selbst wenn es einem Kunden völlig egal sein sollte, ob es ein Print-Stylesheet gibt oder nicht, so ist mir persönlich das eben doch wichtig. Und das Ausblenden von nicht benötigten Website-Teilen per CSS ist bei der Verwendung von Layouttabellen eben nicht so einfach möglich.
Außerdem möchte ich nicht, dass andere Webdesigner beim Anblick meines Quellcodes die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Soviel Perfektionismus muss sein.
Deswegen: Immer schön brav Webstandards benutzen, auch wenn die Kunden es vielleicht (noch) nicht zu schätzen wissen.




